67. Genealogentag in Gotha

Letztes Wochenende trafen sich bei herrlichem Wetter über 400 Familienforscher aus Deutschland, Österreich, Schweden, Dänemark, Frankreich, der Schweiz, den USA und Kanada zum 67. Deutschen Genealogentag. Unter dem Motto „25 Jahre deutsche Einheit – freies genealogisches Forschen“ wurde dieser in der einst kurfürstlich-sächsischen Stadt Gotha von der Arbeitsgemeinschaft Genealogie Thüringen e. V. organisiert. 

Der Oberbürgermeister Knut Kreuch begrüßte die Gäste in einem sehr unterhaltsamen Vortrag und erklärte Gotha zur „Hauptstadt der Genealogie“. (Rede auf You Tube: https://youtu.be/4XfKK9qNiDg).

Eine Vielzahl von genealogisch- heraldischen Vereinen und Firmen informierte über ihre Arbeit. Ein Ausstellungsforum bot ihnen die Möglichkeit zu 20 minütigen Präsentationen.

Wichtig waren für mich der Austausch mit anderen Genealogen und die Teilnahme an interessanten Vorträgen. Auf einige möchte ich kurz eingehen:

Prof Dr. Wolfgang Helbich: Die Nordamerika- Briefesammlung an der Forschungsbibliothek Gotha:

An der Forschungsbibliothek Gotha befindet sich mit über 10.000 Briefen eine der besterschlossenen Briefesammlung deutscher Auswanderer im Zeitraum von 1790 bis 1970 weltweit.

Der Vortragende und Initiator der Sammlung, Professor Helbich, berichtete über die Geschichte seiner Sammlung und die Recherchemöglichkeiten für Familienforscher. In diesem Zusammenhang verwies Helbich auf die Zusammenstellung biographischer Hintergrundinformationen zu Briefeinsendern, - schreibern und empfängern. 

Eine Benutzung der Briefe ist für Interessierte vorerst nur vor Ort möglich. Ein Besuch sollte eine Woche vorher per E- Mail angekündigt werden. (http://www.auswandererbriefe.de)

Prof. Dr. Jürgen Udolph: Familien- und Ortsnamen Mitteldeutschlands

In seinem Vortrag berichtete Professor Udolph über die Herkunft von Familiennamen, wobei er zwei Schwerpunkte setzte:

Familiennamen, die aus Ortsnamen hervorgegangen sind und die für die Siedlungsgeschichte von Bedeutung waren: So erführen die Zuhörer, dass etwa der Familienname „Gotha“ auf das altsächsische Wort „gota“ , was „Gosse, Wasserlauf, Rinne“ bedeutet, zurückgehe.

Familiennamen, die Hinweise über Wanderungen, Vertreibungen und Umsiedlungen geben: So kommt der Name „Westphal“ unter anderem häufig in Mecklenburg-Vorpommern vor, da im 13. Jahrhundert Namensträger aus Westfalen in diese Region eingewandert sind.

Links zu Beiträgen von Professor Udolph, die online publiziert wurden, finden sich auf seiner Website: 
http://www.prof-udolph.com/forschung/beitraege.html

Timo Kracke: Bloggen für mehr Kommunikation und Austausch

Timo Kracke gab einen Überblick zum Thema „Bloggen als Präsentation der eigenen Familienforschung im Internet“  - abrufbar unter http://www.kracke.org/wp/wp-content/uploads/Bloggen.pdf

Auf der Seite http://www.dergenealoge.de informiert Timo Kracke über „Neuigkeiten“ aus den verschiedenen Bereichen der Genealogie. Unter diesem Aspekt faßte er etliche Internetbeiträge und Abbildungen von verschiedenen Autoren zum Genealogentag im Internet in einem sogenannten „Storify“ zusammen. (https://t.co/karACTWzqH)

Ursula C. Krause: Missing in America. Von der Suche nach dem Auswanderer Friedrich Stange

Ursula C. Krause berichtete über ihre Forschungen zur eigenen Familiengeschichte. 

Sie legte dabei ein besonderes Augenmerk auf den Auswanderer Friedrich Stange, einen ihrer Vorfahren, der 1796 in der Prignitz, Brandenburg geboren worden war und 1855 nach Amerika auswanderte.

Die spannende Geschichte von seinem Leben vor der Auswanderung, seinen Motiven, der Heimat den Rücken zu kehren und seinen Erlebnissen in Amerika können auch im Internet unter nachgelesen werden.

Jos Kaldenbach: Beutebriefe, Sundregister und VOC (Niederländische Vereinigte Ostindische Companie)

Bei dem Vortrag von Jos Kaldenbach waren besonders seine Ausführungen über die „Beutebriefe“ eindrucksvoll. Passagiere, Händler, Plantagenbesitzer und Handwerker hatten sie geschrieben,

Die Briefe waren durch einen Prozess vor dem höchsten Seegericht, dem „High Court of Admiralty“ in London, als Beute konfisziert worden und für Jahrhunderte im Tower of London verschwunden gewesen. (www.wgod.nl).

Kent Cutkomp. Amerikanische Genealogie

Kent Cutkomp von der „Germanic  Genealogy Society“ berichtete zunächst über Deutsche Besiedlungen in Amerika. Sein Vortrag informierte über Forschungsmöglichkeiten in US- amerikanischen Archiven, Kreisstadtgerichtsgebäuden, Bibliotheken und in Archiven genealogischer sowie historischer Vereine. 

Darüber hinaus stellte er dem interessierten Zuhörer wichtige Quellen für die Familienforschung vor,  wie Volkszählungsregister, Personenstandsregister, Nachlassregister, Friedhofsprotokolle, Register der Grundbesitzer, Kirchenbuch-register sowie Zeitungsartikel und –anzeigen. (http://www.ggsmn.org)

Dr. Kai Lehmann: Schaffung eines Deutschen Dokumentationszentrum zur Geschichte der Hexenverfolgung

Dr. Lehmann beschrieb in seinem Vortrag die Hexenverfolgung als eines der dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte. 

Die Verurteilten waren nicht, wie bisher oft  angenommen, überwiegend Hebammen oder Rothaarige, und Initiator der Prozesse war auch nicht nur die katholische Kirche. Gelehrte, Juristen und Theologen an Universitäten legten die Kriterien für die Verurteilung fest wie den sogenannten „Teufelspackt“, die „Teufelsbuhlschaft“, den „Schadenzauber“, den „Flug durch die Luft“ und den „Hexentanz“. Die „Besagungen“ führten dann zum Mord an Frauen und an Männer sowie Kinder gleichermaßen.

Kai Lehmanns Forschungen führten zu dem Ergebnis, dass die Anzahl von Opfern doppelt so hoch gewesen sein muss, als bisher bekannt war. Lehmann nannte Beispiele: So kamen im Stift Fulda innerhalb von drei Jahren 300 Menschen ums Leben. In Bamberg wurden  von 1595 bis 1633 900 Menschen umgebracht.

In dem geplanten Dokumentationszentrum zur Geschichte der Hexenverfolgung, das 2017 in Schmalkalden eröffnet werden soll, soll es um die persönliche Lebensgeschichten der Opfer gehen. 

Familienforscher haben die Möglichkeit, Listen mit Daten, die vorerst nicht im Internet veröffentlicht werden, einzusehen. Darüber hinaus stellen die ausgewerteten Prozessakten für historisch Interessierte einen wichtigen Beitrag zur Altersgeschichte dar. 

(Literatur: Unschuldig. Hexenverfolgung südlich des Thüringer Waldes. Über 500 recherchierte Fälle aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Hrsg.: vom Zweckverband Kultur des Landkreises Schmalkalden- Meiningen. Untermaßfeld 2012)

Clemens Kech: Über den Beruf des Genealogen

In seinen Ausführungen berichtete Clemens Kech u. a. über die Arbeitsweise der Berufsgenealogen im Hause Pro Heraldica. Mehrere Beiträge der anwesenden Mitarbeiter dieser Firma wurden im Blog des Unternehmens publiziert, so auch ein Bericht über Kechs Vortrag. (http://pro-heraldica.de/blog/vortrag-clemens-kech-beim-genealogentag-in-gotha)

Ich freue mich auf den nächsten Genealogentag, der vom 30. September bis zum 2. Oktober 2016 in Bregenz stattfinden wird.

Cornelia Pohlmann